++ [weitere Artikel zu GENTECHNIK] ++
16.10.2006
Rede-Manuskript von Ulrich Mohr zur Grünen Gentechnik anlässlich einer Listenübergabe am 28.09.2006 in Deidesheim
Anrede,
grüßen soll ich Sie von
unserer Landesvorsitzenden Heidelind Weidemann. Als überzeugte Biowinzerin hat
sie jetzt zur Herbsteszeit an den Steilhängen der Mosel alle Hände voll zu tun.
Zunächst herzlichen Dank für die Akteure dieser nun abgeschlossenen
Unterschriftenaktion!
Bei aller gebotenen parteipolitischen Neutralität des BUND: Dieses Anliegen
unterstützen wir voll und ganz!
93 Prozent der Besucher der letzten Grünen Woche wollen keine Gentechnik in Lebensmitteln. Das ist das Ergebnis einer „symbolischen Volksbefragung“, die der BUND im Januar in Berlin hat vornehmen lassen. Eine jüngst in der Schweiz die dortige Verfassung betreffende echte Volksabstimmung kam zu einem ähnlichen Ergebnis.
Angesichts einer konstant hohen Ablehnung dieses von einer Minderheit vertretenen Verständnisses von Fortschritt wirkt es schon etwas seltsam, dass man gegenüber politisch Verantwortlichen vorstellig werden, Bittgänge machen, Unterschriftenlisten füllen lassen muss über etwas, das eigentlich ausdiskutiert ist, weil es nicht mehrheitsfähig, weil nicht verantwortbar ist.
Zu den ganz besonders
beunruhigenden Erscheinungen unserer Gegenwart gehört es, dass zu bestimmten
essentiellen Themen eine „Schere“ immer weiter auseinander geht
zwischen dem wählenden Volk und seinen gewählten Repräsentanten.
Vermutlich deshalb weil Nicht-Gewählte und auch nicht Abwählbare einen Einfluss
und eine Macht gewonnen haben, die ihnen in einem demokratischen Gemeinwesen
eigentlich gar nicht zusteht.
So ist es z. B. mit der Atomenergie (wenn auch in Deutschland derzeit noch mit
Abstrichen), und so ist es beim Umgang mit der Durchsetzung gentechnisch
veränderter Lebensmittel.
Wir Umweltverbände, die wir diesen Widerstand und dieses Unbehagen gegen Risikotechnologien bündeln, wir werden gerne hingestellt als politikunfähige, weltfremde „Gutmenschen“, als Spielverderber, als Schädlinge für den Wirtschaftsstandort; „ihr seid Deutschland“ wird uns wohl kaum einer aus einer bekannt gut organisierten Lobby zurufen.
Unisono
gelten wir als Vernichter und Verhinderer von Arbeitsplätzen.
Aber:
Wo sollen sie denn sein die Arbeitsplätze durch grüne Gentechnik? – 500
Arbeitsplätze soll die Agrargentechnik in Deutschland bislang hervorgebracht
haben; jedoch 150.000 Arbeitsplätze im boomenden Ökolandbau wird sie alleine in
Deutschland zerstören, wenn endlich durchgesetzt würde, was sich Monsanto
demnächst für Europa vorgenommen hat.
1 zu 300 also steht das Verhältnis von Arbeitsplatz schaffen zu
Arbeitsplatzvernichtung durch das falsche Evangelium der Gentechnologen.
Das Verhalten von Politik und Wirtschaft angesichts mangelnder Akzeptanz der Gentechnik auf dem Acker hat durchaus Züge einer Groteske. So ist das Gentechnikgesetz, wie es gewollt wird, - und mit all seinen Feinheiten – eher dazu geeignet, die Gentechnikindustrie vor der Öffentlichkeit zu schützen als die Öffentlichkeit vor der Gentechnik; es ist nicht dazu geeignet, die 82 Millionen Deutschen vor dem zu 92 Prozent den Gen-Weltmarkt beherrschenden Konzern Monsanto zu schützen, aber es eignet sich durchaus, diesem - und anderen - über Hintertürchen ein weit geöffnetes Einfallstor für Deutschland anzubieten.
Was denn sonst ist der tiefere Sinn der unehrlichen Annahme, draußen in der Flur sei „Koexistenz“ zwischen konventionellem und gentechnisch verändertem Saatgut organisierbar – sicher und für alle Zeiten?
Was denn sonst ist der tiefere Sinn der Zulassung eines Grenzwertes von 0,9 Prozent? Promillegrenzen im Verkehr z. B. braucht man ja nur, weil es Alkohol gibt; das Weinpanschen ist verboten, weil es Wasser gibt. Nun, Alkohol und Wasser kann man nicht abschaffen - Gentechnik auf dem Acker jedenfalls müssen wir erst gar nicht anschaffen.
Denn:
Wenn wir erst einmal die Büchse der Pandora geöffnet haben und die Pollen vom
Winde verweht sind, werden wir für immer und für alle Zeiten die einst gerufenen
Geister nicht mehr los. Auch eine einmal ausgedrückte Zahnpasta bringen wir
nicht mehr zurück in die Tube. Wir Zauberlehrlinge werden dann keinen großen
Meister haben, der uns aus der Patsche hilft; wir werden einen traurigen Anblick
bieten.
Was bei der grünen Gentechnologie einfach fehlt, sind wissenschaftlich haltbare und interessensunabhängig erbrachte Langzeituntersuchungen über die Auswirkung gentechnisch veränderter Nahrung auf unsere Gesundheit. Und was das Abenteuer Gentechnik an Kollateralschäden in der freien Natur, in der Vielfalt der Arten, bei den Milliarden von Mikroorganismen im Boden anrichtet, das ist jetzt und heute höchstens in Umrissen erahnbar. Diese Risiken sind nicht mit flotten Sprüchen wegzureden, sondern der unerbittlichen und methodischen Strenge wissenschaftlichen Forschens zu unterwerfen.
Leider aber hängen große Teile unserer wirtschaftlichen und politischen Eliten an dem Traum, dass alles Machbare automatisch auch Glück und Fortschritt sei. Unnachahmlich karikiert sehe ich diese Einstellung zum Umgang mit der Natur in einem kleinen Gedicht aus Christian Morgensterns „Galgenliedern“:
Ein Hecht, vom heiligen Anton
Bekehrt, beschloss, samt Frau und Sohn,
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.
Er aß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegrieß.
Doch Grieß, Gras, Rose floss, o Graus,
entsetzlich wieder hinten aus.
Der ganze Teich ward angesteckt.
Fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Anton, gerufen eilig,
sprach nichts als „Heilig! Heilig! Heilig!“
Sehr geehrter Herr Staatsminister, wir bitten,
wir hoffen und vertrauen darauf, dass Sie nicht zu jener Sorte von Politikern
gehören, die absolut beratungsresistent und nicht anders als dieser komische
Heilige St. Antonius jeden Unsinn absegnen. Der „Teich“
Rheinland-Pfalz muss „unversaut“ bleiben.
Ein gentechnikfreies Rheinland-Pfalz wäre ein „Alleinstellungsmerkmal“
für unser schönes Bundesland.
Es täte den Verbrauchern gut, es täte unseren Bauern gut, und außerdem und unter
anderem: die Hersteller von Kindernahrung müssten nicht nach Österreich
ausweichen.
Quelle: Ulrich Mohr
Kontaktadresse: BUND Regionalbüro Pfalz
oder senden Sie uns ein E-Mail: [email protected]
++ [weitere Artikel zu GENTECHNIK] ++ [OBEN] ++