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22.10.02
Der Hintergrund: Zwischen Kuscheltier und Killer
Bemühungen um
Arten-Wiederkehr stets auch von Rückschlägen bedroht
Kaum dass Weißstorch und Luchs wieder da sind, klopfen schon Kolkrabe und Biber
an die Tür: Längst verschwundene Tierarten kehren in die Pfalz zurück. Doch bei
einem Symposium von Pollichia und den Universitäten von Kaiserslautern und
Landau am Samstag auf der Burg Lichtenberg bei Kusel wurden auch die Risiken
und mögliche Rückschläge offensichtlich.
Die "Einwanderer" werden zunächst von vielen
Menschen als Kuscheltiere verklärt, machte Ole Anders von der
Nationalparkverwaltung Harz am Beispiel der dort ausgesetzten Luchse deutlich.
Doch bei so manchem halten sich auch tiefe Vorurteile. Und die können zusammen
mit reißerischen Medienberichten zu einem Stimmungsumschwung in der
Öffentlichkeit beitragen. Vor allem, wenn die vermeintlich so niedlichen
Heimkehrer erfolgreich auf Nahrungssuche gehen.
Dem sich von Norden her ausbreitenden Kolkraben etwa wurden schaurige
Horrorgeschichten angedichtet, so Prof. Hans-Dieter Wallschläger von der
Universität Potsdam: Angeblich hätten Schwärme dieser schwarzen Gesellen
Dutzenden Kälbern auf der Weide die Augen ausgehackt und einer Kuh mit einem
einzigen Schnabelhieb das Rückgrat gespalten. Hartnäckige Nachforschungen des
Wissenschaftlers ergaben, dass sich die Raben in Wahrheit über wenige
Totgeburten oder über bereits durch Krankheit geschwächte Tiere hergemacht
hatten, die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten. Auch gelang ihm der
Nachweis, dass dieser gefiederte Gesundheitspolizist gar nicht in der Lage
wäre, den Körper eines toten Kalbs zu öffnen. Richtig ist aber, dass die
Kolkraben die Nähe von Weidetiere suchen: Sie laben sich an den Nachgeburten
oder am Kot.
Widersprüchliches Verhalten der Behörden
Trotz aller Bemühungen um wissenschaftlich gesicherte Tatsachen verhalten sich
auch die Behörden widersprüchlich: Einerseits fördert der Forst die Rückkehr
des Kolkraben nach Rheinland-Pfalz. Andererseits hält auch die neue Mainzer
Umweltministerin Margit Conrad an der Bejagung von Rabenkrähen und Elstern
fest, wie der Biologe Hans-Wolfgang Helb von der Universität Kaiserslautern
immer wieder anprangert.
Die Wahrheit liegt zwischen dem Kuscheltier- und dem Killer-Image, waren sich
die Symposiums-Teilnehmer einig. Sachliche Aufklärung über die natürlichen
Eigenheiten müssten deshalb die Rückkehr von Arten begleiten. Dabei sollten die
zoologischen Gärten mit ihren jährlich 40 Millionen Besuchern eine wichtige Rolle
übernehmen, meinte Wolfgang Rades, Geschäftsführer des Vogelparkes
Herborn-Uckersdorf.
Hinzu kommt, so Rades, dass die Zoos als eine Art Arche Noah für in Freiheit
ausgestorbene Arten dienen können. So zieht etwa der Wildpark in
Ludwigshafen-Rheingönheim Wildkatzen groß, die dann im Spessart, wo sie
ausgerottet waren, ausgewildert werden. Allerdings sind solche Bemühungen
schwierig und nur unter Beachtung internationaler Kriterien Erfolg
versprechend, wie der Biologe Mathias Herrmann weiß. So sei versucht worden,
das Auerhuhn im Harz wieder anzusiedeln. Doch die Tiere hätten ihren ersten
Monat in Freiheit nicht überlebt. Ähnliche Erfahrungen seien bis Mitte der 90er
Jahren mit Wildkatzen in Bayern gesammelt worden: Sie wurden in großer Zahl von
Autos überfahren, verhungerten oder drangen in Bauernhöfe ein, wo sie getötet
wurden.
Gute Chancen für die Rückkehr von Arten sieht Herrmann in der Vernetzung von
Biotopen. Wobei Wildbrücken und Tunnel helfen könnten, Verkehrsadern zu
überwinden. Auch Günter Preuß, emeritierter Biologie-Professor der Universität
in Landau, warnt vor dem "Ausleben romantischer Nostalgie". Nicht nur
eingeschleppte gebietsfremde Arten, sondern auch lange Zeit ausgestorbene Tiere
könnten ein Ökosystem nachhaltig stören. Dagegen sollte man Arten, die von
selbst zurückkehren, nicht aufhalten.
Genau dafür ist insbesondere der Pfälzerwald bestens geeignet, betonte Prof.
Josef Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung in München. Dank ihrer
wenig ertragreichen Böden wurde diese Landschaft nur wenig besiedelt und unter
den Pflug genommen. Entsprechend ist sie kaum durch Dünger und
Schädlingsbekämpfungsmittel belastet. Gerade der modernen
Intensiv-Landwirtschaft sind aber laut Reichholf 70 Prozent des Artenschwundes
zuzuschreiben. Inzwischen würden selbst Großstädte einen deutlich höheren
Artenreichtum als Agrarland aufweisen.
Quelle: RON - RHEINPFALZ ONLINE, Montag, 21. Okt , 03:45 Uhr
Kontaktadresse: BUND Regionalbüro Pfalz
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